NACHRICHTEN

Schulzwang stößt auf Widerstand

Warum Christen die Legalisierung des Hausunterrichts in Deutschland durchsetzen wollen

Marcus Mockler

Idea Spectrum

8. Februar 2005

[i]Eltern in Deutschland erhalten Bußgeldbescheide, werden mit Beugegeldern bedroht, einzelne saßen sogar für ein paar Tage im Gefängnis. Ihr „Verbrechen“: Sie schicken ihre Kinder nicht mehr an öffentliche Schulen, sondern unterrichten sie selbst. Was in den meisten Ländern der Welt eine anerkannte Bildungsvariante ist, wird in Deutschland staatlich verfolgt. In der Schweiz sind die Eltern in mehreren Kantonen berechtigt, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Es bedarf lediglich einer Bewilligung des Erziehungsdepartements des betreffenden Kantons und steht unter dessen Aufsicht. Nun wächst allerdings auch in Deutschland insbesondere unter Christen der Widerstand gegen den Zwang, daß Unterricht in öffentlichen Einrichtungen stattfinden muß.[/i]

 

In Paderborn sorgen derzeit sieben rußlanddeutsche Familien für Schlagzeilen, die ihre 15 Kinder aus religiösen Gründen zu Hause unterrichten. Weil das gegen die gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht verstoße, hat die Kreisverwaltung Bußgeldbescheide in Höhe von 250 Euro pro Erziehungsberechtigten verschickt. Momentan versucht die Landesregierung, die Eltern in vertraulichen Gesprächen zum Einlenken zu bewegen. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie damit Erfolg hat, ist nicht sehr groß. Die Erfahrung zeigt: Wer erst einmal mit Hausunterricht begonnen hat, ist davon so begeistert, daß er auch staatlichen Repressalien trotzt. Ein vom Landgericht Gießen im Herbst 2003 verhängtes Bußgeld gegen das Ehepaar Sigrid und Michael Bauer (Gemünden/Vogelsberg) bewegte das Paar nicht, fünf ihrer acht Kinder wieder in eine öffentliche Schule zu schicken. Ein Jahr zuvor hatte im bayerischen Deiningen bei Nördlingen die christliche Gemeinschaft „Zwölf Stämme“ für Aufregung gesorgt, die ebenfalls ihre Kinder zu Hause unterrichtet.

 

[b]Schulen in der Kritik[/b]

Daß es überhaupt zu einer Hausschulbewegung gekommen ist, hängt mit den Zweifeln vieler Christen an der Qualität öffentlicher Schulen zusammen. Insbesondere den Sexualkunde-Unterricht finden manche Eltern skandalös, wenn etwa pubertierenden Mädchen beigebracht wird, wie man einem Kunststoffpenis ein Kondom überstreift. Auch das Monopol der Evolutionstheorie im Biologieunterricht wird häufig als Grund genannt. Und schließlich wollen manche Eltern ihre Kinder auch nicht Gewalt und Drogenkonsum aussetzen, der an öffentlichen Schulen zu einem wachsenden Problem geworden ist. In Deutschland sind es schätzungsweise 500 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden – viele mit Material der Deutschen Fernschule (Wetzlar) oder der (nicht staatlich anerkannten) Philadelphia-Schule (Siegen), die auf dem Gebiet des Hausunterrichts Pionierarbeit geleistet hat. Diesem Bildungsweg stehen nach vorherrschender Juristenmeinung die Landesgesetze entgegen, die eine allgemeine Schulpflicht vorsehen. „Das heutige Verständnis dieser Regelung stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus. In der Weimarer Republik war die Möglichkeit von Hausunterricht noch selbstverständlich“, sagt der Verwaltungsjurist Ronald Reichert (Bonn). Der promovierte Anwalt trägt derzeit den Fall eines Ehepaars aus Baden-Württemberg, das seine Grundschulkinder nicht an die öffentliche Schule schicken wollte, nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Schulbehörden im südwestdeutschen Bundesland drücken zwar beim Thema Hausunterricht häufig beide Augen zu, doch das ist Reichert zu wenig. „Wir wollen nicht die heimliche Duldung von Unterricht zu Hause, sondern eine Legalisierung.“

 

[b]Gesetz erlaubt Ausnahmen[/b]

Reichert, Mitglied einer renommierten Bonner Sozietät, rückt zwei Argumente ins Blickfeld. Zum einen sähen alle Schulgesetze Ausnahmeregelungen aus nicht näher bestimmten „besonderen Gründen“ vor. Darunter faßten die Behörden seit jeher Kinder mit langwierigen Krankheiten oder solche von umherreisenden Schaustellern. Nach Reicherts Einschätzung begründen auch die Glaubensüberzeugungen von Eltern und Kindern den besonderen Ausnahmefall. Sein zweites Argument: Laut der EU-Menschenrechtskonvention hat der Staat „das Recht der Eltern zu achten, die Erziehung und den Unterricht entsprechend ihren eigenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustellen“. Dies tue Deutschland in seiner undifferenzierten Ablehnung des Hausunterrichts nicht. Ein erhoffter Sieg in Straßburg würde den politischen Druck verstärken, Hausunterricht generell zu erlauben.

 

[b]Keine Hilfe von Kirchen[/b]

Auf dieses Ziel arbeitet auch der Verein „Schulunterricht zu Hause“ (Schuzh) hin. „Wir kämpfen nicht für die Abschaffung der Schulpflicht, sondern für die Möglichkeit, daß die Eltern, die das wollen, selbst die Bildung ihrer Kinder in die Hand nehmen“, sagt der Vereinsvorsitzende, Rechtsanwalt Armin Eckermann (Dreieich bei Frankfurt am Main). Enttäuscht ist er vom Desinteresse an dem Thema in Landes- und Freikirchen. „Die großen Kirchen fallen uns eher in den Rücken.“ Die Pressestelle der Evangelischen Landeskirche von Westfalen, in deren Gebiet Paderborn liegt, sagte auf Anfrage von idea, man wolle zum Fall der Schulverweigerer keine Stellungnahme abgeben. Dagegen befürwortet der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Bad Blankenburg), die Möglichkeit des Hausunterrichts, sofern die Qualität der Bildung gesichert sei und überprüft würde. Der Staat müsse die Gewissensnöte christlicher Eltern ernster nehmen, als das bislang geschehe. Steeb selbst hat seine zehn Kinder in öffentlichen Schulen unterrichten lassen. Am 12. Februar veranstaltet der Verein „Schuzh“ im Kulturhaus Lüdenscheid seinen dritten Kongreß. Dort wird ein nordrhein-westfälischer Vater von drei Kindern, der heute mit seiner Frau in Texas (USA) lebt, über seine Erfahrungen mit der Schule zu Hause berichten. Außerdem kommt das amerikanische Ehepaar Rick und Marilyn Boyer. Sie sind Eltern von 15 Kindern und euphorische „Hauslehrer“. In den USA ist der Unterricht durch die eigenen Eltern inzwischen völlig anerkannt. Schätzungsweise zwei Millionen Kinder bekommen auf diesem Weg die Bildungsgrundlagen vermittelt.

 

[b]Studie: Hausunterricht ist überlegen[/b]

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt, daß Hausunterricht dem staatlichen Bildungssystem haushoch überlegen ist. Von 7.306 jungen Erwachsenen, die mehrere Jahre Hausunterricht genossen hatten, konnten später 74,2% Kurse an höheren Schulen belegen – der Landesdurchschnitt liegt nur bei 46,2%. 82% geben an, daß sie ihre eigenen Kinder später ebenfalls selbst unterrichten wollten. Geradezu umwerfend ist das Lebensgefühl der ehemaligen Hausschüler: 59% bezeichnen sich als „sehr glücklich“; in der Gesamtbevölkerung sagen das nur 27,6%. Und selbst die von Hausschulgegnern heraufbeschworene Gefahr, der Unterricht in eigenen vier Wänden gefährde soziale Entwicklung und staatsbürgerliche Kompetenz von Kindern, scheint durch die Studie widerlegt. Demnach sind 71% der Ex-Hausschüler ehrenamtlich für die Gemeinschaft engagiert (etwa als Mannschaftstrainer oder Nachbarschaftshelfer). In ihrer Altersklasse liegt der Durchschnitt für solches Engagement lediglich bei 37%.

 

[b]Befürworter bei FDP[/b]

Auch die Förderer der Hausschulbewegung sehen mögliche Gefahren. Etwa, daß türkische Eltern in Deutschland noch weniger für die Integration ihrer Kinder in die Gesellschaft tun würden, wenn sie zuhause unterrichteten. Deshalb wird eine regelmäßige Überprüfung des Bildungsstands der Kinder – zum Beispiel durch jährliche Tests – von den meisten befürwortet. Bei Politikern hat die Hausschulbewegung allerdings bislang wenige Freunde gewonnen, auch nicht bei den C-Parteien. Vehement und mit drakonischen Mitteln kämpft beispielsweise Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) für den Schulzwang. Unerwartete Schützenhilfe gab es jetzt allerdings aus Paderborn von liberaler Seite. FDP-Ratsherr Kai Holzweißig und der FDP-Kreistagsabgeordnete Jan Lackmann kritisieren, daß im Fall der Aussiedler Staatsrecht vor Elternrecht gehe: „Die wahren Fundamentalisten in der Debatte sind unserer Meinung nach nicht strenggläubige Mennoniten oder Baptisten, sondern allen voran die beiden großen Volksparteien SPD und CDU, welche sich dogmatisch für den Schulzwang einsetzen.“ (idea)