NACHRICHTEN

Nie wieder in die Schule!

Lioba Schafnitzl

Nürnberger Zeitung

29. April 2004

[b]Hausunterricht: Erfolgreich, aber in Deutschland verboten[/b]

 

Nie mehr in die Schule gehen! Das ist der Wunschtraum aller geplagten Schüler. Für rund 500 Kinder und Jugendliche in Deutschland ist dieser Traum tatsächlich in Erfüllung gegangen. Zwar brüten auch sie über kniffligen Textaufgaben und zähen Aufsätzen, aber das tun sie zumindest nicht im 45-Minutentakt einer öffentlichen Schule.

 

Sie werden von ihren Eltern zu Hause unterrichtet, und das in wachsender Zahl und mit überdurchschnittlichem Erfolg, so der Tenor des Vereins Schulunterricht zu Hause (Schuzh) vergangene Woche auf einem Kongress im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

 

Oft sind es religiöse Überzeugungen oder pädagogische Wertvorstellungen, die Eltern im öffentlichen Schulsystem nicht verwirklicht sehen und sie veranlassen, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Meist sind es die Mütter, die dann die Aufgabe einer Lehrerin übernehmen.

 

»Manche Schüler werden aus pragmatischen Gründen - auch als vorübergehende Problemlösung« im Elternhaus unterrichtet, erklärte Thomas Spiegler von der Universität Marburg, der an einer Doktorarbeit zum Thema »Home-Education in Deutschland« arbeitet.

 

 

[b]Stressfrei[/b]

 

Kinder mit Schulangst, psychosomatischen Störungen und Mobbing-Erfahrungen können zu Hause stressfrei lernen. Aber auch minder- oder hochbegabten Kindern tut die freie Wahl des Lerntempos zuhause gut. Ein Kind das mit drei Jahren Schach spielt und mit sechs sein erstes Klavierkonzert gibt, kann im regulären Schulbetrieb psychisch fast zugrunde gehen, so der Erfahrungsbericht einer Mutter auf dem Kongress.

 

Den Unterricht zu Hause gibt es in allen Varianten, von der klassischen Form mit festen Unterrichtszeiten und Stundenplan bis hin zur freien selbstgeleiteten Methode, die sich an den Begabungen und Interessen des Kindes orientiert.

 

Die Materialien bringen verschiedenen Fernschulen ins Haus, vom staatlich anerkannten Grundschulangebot der Deutschen Fernschule (df), die für Diplomaten- und Missionarskinder im Ausland entwickelt wurde oder der gleichfalls anerkannten Flex-Fernschule bis hin zur Philadelphia-Schule, die sich ebenfalls an den Lehrplänen der öffentlichen Schulen orientiert.

 

Das so genannte »Homeschooling« ist vor allem in Nordamerika seit 25 Jahren ein staatlich anerkanntes Bildungskonzept. Der Schulunterricht im Elternhaus ist in allen Staaten der USA mittlerweile bis zur Universitätszulassung möglich. Gegenwärtig gibt es dort fast drei Millionen »Homeschoolers«. Amerikanische und englische Studien beweisen, dass deren akademisches Niveau mindestens dem landesweiten Durchschnitt entspricht, meist aber erheblich höher liegt. Auch bei der Sozialisation erzielten die heute Erwachsenen, die ihre Schulbildung fernab vom Klassenverband zu Hause erhielten, hohe Werte, betonte Doktorand Spiegler. Sie seien als verantwortungsvolle Mitbürger gleichermaßen in die Gesellschaft integriert, wie die »normalen« Schulabgänger.

 

Auch in Europa ist der Hausunterricht verbreitet, hier vor allem in England und Dänemark. Frankreich besteht lediglich auf eine Lehrpflicht, nicht aber auf die Schulpflicht. In Österreich wird Anträgen auf Heimunterricht schnell und unkompliziert stattgegeben, ebenso in vielen Kantonen der Schweiz.

 

 

[b]Ausnahme[/b]

 

Deutschland ist beim Homeschooling die Ausnahme: Denn dort wird in den Ländergesetzen weiterhin verbindlich an der Schulpflicht festgehalten. Gerade ausländische Familien, die beruflich für einige Zeit nach Deutschland kommen, stehen vor dem Problem, dass ihre Kinder die öffentlichen Schulen besuchen müssen, obwohl sie die Sprache noch nicht beherrschen. Nicht selten verlieren sie dadurch ein ganzes Schuljahr, berichtete Richard Guenther, Geschäftsführer von Schuzh und gebürtiger US-Amerikaner.

 

Eltern, die den Aufforderungen der Behörden nicht nachkommen, ihre Kinder einzuschulen, müssen mit jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen rechnen. Rechtlichen Beistand bietet seinen mittlerweile rund 100 Mitgliedern der im Jahr 2000 gegründete Verein Schulunterricht zu Hause e. V. mit Sitz in Dreieich. Je nach Handhabe der zuständigen Schulbehörde werden Eltern, die die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen im günstigsten Fall stillschweigend geduldet. Oft wird ihnen jedoch gedroht - mit Bußgeldbescheiden, Sorgerechtsentzug und sogar Gefängnisstrafen.

 

 

[b]Polizei greift ein[/b]

 

Besonders in Bayern haben es Eltern mit dem Hausunterricht schwer, wie die Geschichte eines Kongressteilnehmers aus dem Nördlinger Ries zeigte. Das Mitglied der urchristlichen Gemeinde der Zwölf Stämme kam mit insgesamt vier Familien aus Niedersachsen bzw. Baden-Württemberg, um in Bayern einen Biobauernhof samt Handwerksbetrieb zu bewirtschaften.

 

Waren die Behörden der anderen Bundesländer zufrieden mit dem Leistungsstand der Kinder gewesen, fuhr in Bayern Ende 2002 die Polizei auf dem Hof ein und brachte die Kinder zwangsweise in die Schule. Dabei blieb es dann auch, denn die Eltern sehen »Herzens-, Charakter- und Gewissensbildung« an öffentlichen Schulen nicht in ihrem Sinne verwirklicht und unterrichten ihre Kinder weiterhin selbst.

 

Gegenwärtig schulden die vier Familien dem bayerischen Staat 80 000 Euro Bußgelder, eine Gefängnisstrafe ist beantragt und das Jugendamt prüft, ob das Sorgerecht entzogen werden soll.